Monat: Oktober 2021

Autarke Selbstversorger-Gemeinschaft – Sind wir Aussteiger?

»Biotopia« nennt die derzeit zehnköpfige Hausgemeinschaft ihr Wohn- und Arbeitsprojekt. Bereits seit den 70er Jahren finden sich Menschen auf dem Reinighof im Pfälzer Wald zusammen, die nach einem Leben in Gemeinschaft suchen, nach mehr Nähe zur Natur, mehr Raum für die eigene Entfaltung und ein friedvolles Miteinander. Auch unser Autor Christian (»Holy Bearshit«) lebt seit nunmehr acht Jahren in der Hofgemeinschaft im Pfälzer Wald. Als ausgebildeter Gärtner trägt er auf einem Selbstversorgerhof natürlich zum Wesentlichen bei: Gemüse, Obst, Kräuter, Tee – und Liköre.

Eine der Leitfragen der kleinen Gemeinschaft lautet: Wie kann man so leben, dass wir den Generationen nach uns eine gesunde Erde hinterlassen? Unter diesem Gesichtspunkt ist das Leben auf dem Reinighof nicht nur weitestgehend autark, sondern natürlich auch äußerst nachhaltig und umweltbewusst. Neben dem großen Permakulturgarten, Solarstrom und einer eigenen Frischwasserquelle, an die eine Widderpumpe angeschlossen ist, die nur durch die Stoßkraft des Wassers das Haus mit Wasser versorgt, gibt es hier zum Beispiel auch eine aufwendig gebaute Pflanzenkläranlage.

Wie ein kleines Bullerbü im Pfälzer Wald.

»Aussteiger Storys – Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben«

Um auszusteigen, muss man nicht in den Dschungel oder nach Alaska auswandern – viele sogenannte »Aussteiger« leben in Deutschland in ihrer selbst geschaffenen Nische.

Viele würden die Bewohner des Reinighof wohl als Aussteiger bezeichnen. – Aber sind sie das wirklich? Sehen sie sich selbst auch so? Was macht einen Aussteiger eigentlich aus? Diesen Fragen geht Christian in seinem neuen Buch »Aussteiger Storys« nach, an dem er gerade schreibt. Dafür hat er sich diesen Sommer wieder auf Reisen begeben und ist mit seinem bunten Bus Paul durch Deutschland getourt. Paul war schon damals Christians treuer Begleiter gewesen, auf der Reise durch die Wälder Osteuropas, auf der Suche nach den letzten Bären. Die Geschichte dieser vom Zufall gesteuerten Odyssee erzählt er in seinem Buch »Holy Bearshit«. Diesmal machte er sich auf, um einige »Aussteiger« zu treffen, sie zu interviewen und zu schauen, wie sie so leben. Selbst ein Mitglied dieser Randnischen-Lebensweise kann er diesen illustren Menschen mit viel mehr Offenheit und Einfühlungsvermögen begegnen, als es ein neutraler Außenstehender könnte. Gleichzeit wird in seinen Gedanken und Beobachtungen deutlich, wie facettenreich und vielfältig das Aussteiger-Dasein doch ist!

Mit viel Charme, Witz und nicht zuletzt einer gesunden Portion Selbstironie beschreibt Christian die Lebenswelten der Menschen, die er besucht und porträtiert sie auf liebenswerte Weise. Bei aller Leichtigkeit und Lebensfreude, die seine Geschichten vermitteln, ist »Aussteiger Storys« keineswegs ein unkritisches Loblied einer naiv anmutenden Lebensweise, sondern vielmehr ein selbstreflektierendes Beobachten. Mitten auf einem dreitägigen Rainbow Festival fragt sich Christian beispielweise: „Wozu das alles? Ist das, was ich und die anderen Randnischenfreaks so tun, ein aktiver Beitrag zur Beendigung des Artensterbens oder nur sentimentaler Selbstzweck? Machen wir Träumer die Welt besser oder dient unsere Weltverbesserei nur der eigenen Extravaganz?“


Über die Autorin

Ramona Pingel

Ramona ist Co-Verlegerin des WNJ-Verlags und arbeitet außerdem als Freie Lektorin. Vor ihrer gemeinsamen Reise mit Uli lebte sie im beliebtesten Viertel Kölns, hatte einen guten Job in einem großen Verlagshaus und genoss das Leben in der Großstadt. Doch nach der Reise kam das alles nicht mehr infrage. Sie wollte unabhängig sein und näher an der Natur. Heute leben Uli und sie, zusammen mit Hund Spencer, in einem Häuschen in der Vulkaneifel, direkt am Waldrand. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten mit Gärtnern, Yoga und Wandern.

Winter-Vanlife – Wie es wirklich ist, im Winter im Bus zu leben

Das Leben im Van ist im Sommer natürlich besonders schön und ein einzigartiges Erlebnis. Mit offener Seitentür während des gesamten Tages und den schönen Sonnenuntergängen wird Vanlife zu einem perfekten Lebensstil. Der Parkplatz direkt am Meer, das Geräusch der Wellen, ein Barbecue vor dem Van und ein Lagerfeuer in der Nacht – was gibt es Besseres? Ich war daher etwas skeptisch, als ich mich auf den Weg in den äußersten Norden Europas machte – und das im Herbst! Würde ich mich allein fühlen? Würde ich Platzangst kriegen? Würde ich ständig frieren müssen? Ängste, die in mir laut wurden, als ich meine Reise nach Norwegen begann.

Jetzt, da ich zurück in Deutschland bin, kann ich sagen, dass alle Ängste unbegründet waren. Ich habe Temperaturen von -15 bis +10, Fahrten in schneebedeckten Gebirgen und windigen Küsten, Besuche am nördlichsten Punkt Europas erlebt und bin nahezu täglich Fähre gefahren. Und es gab keinerlei Schwierigkeiten dabei! Ich habe tatsächlich jede Minute davon genossen. Auch wenn es ein Leben auf noch kleinerem Raum und noch weniger Stunden mit Tageslicht bedeutete. Die Sonne ging die meiste Zeit nicht vor 9 Uhr auf und verabschiedete sich schon wieder um 16 Uhr am Nachmittag.

Der Winter in Norwegen ist verdammt kalt! – Aber auch sehr besonders …

Eine andere Art des Vanlifes – aber kein bisschen schlechter

Es ist definitiv eine andere Art das Vanlifes, aber sie ist kein bisschen schlechter. Es ist eine gemütlichere Weise in einem Van zu leben, bei der man mehr Zeit für Indoor-Aktivitäten hat. Dazu zählen Kochen, Lesen, das Lernen eines Instruments oder Stricken. Man hat auch mehr Zeit, um Serien zu schauen oder einfach ein Buch zu lesen. Außerdem lernt man den Tag bzw. das Tageslicht sehr zu schätzen und verbringt die Stunden effektiver. Der Van fühlte sich wie eine gemütliche Höhle an und wurde noch mehr zu meinem geliebten Zuhause auf Rädern. Ich liebte es einfach. Es ist ein anderes Vanlife, aber kein Stück schlechter, als die Zeit im Sommer. Mit einer funktionierenden Heizung und etwas Motivation, den kurzen Tag bestmöglich zu nutzen, ergeben sich, meiner Meinung nach, keine Probleme.

Natürlich hat man weniger Kontakte zu anderen Vanlifern, da zum einen die Zahl der Mitreisenden sinkt und zum anderen auch diese sich mehr in das Innere des Vans zurückziehen. Jedoch ist die ruhigere Jahreszeit auch eine nette Abwechslung zum aufregenderen Sommer. Auch kältetechnisch konnte ich keinen Nachteil feststellen. Ich habe durch die gute Isolation und eine prima Standheizung nie frieren müssen. Ich hatte ein paar zusätzliche Decken dabei, um Zugluft zu vermeiden und öfter mal zwei Paar Socken an, aber das ist auch schon der einzige Unterschied zum Sommer.

Alles in allem würde ich es jedem empfehlen, der noch Bedenken gegenüber dem Leben im Van im Winter hat. Auch nicht zu verachten: die schönen Winterlandschaften!

Über die Autorin

Victoria Lommatzsch

Vicky hat ihren 30. Geburtstag zum Anlass genommen, noch mal ganz von vorn anzufangen. Sie kündigte ihren Job und kaufte sich einen Transporter, den sie »Spencer« taufte und innerhalb eines Winters selbst zu einem gemütlichen Van umbaute. In ihrem neuen rollenden Zuhause fuhr sie ein Jahr lang allein durch Europa. Mit im Gepäck: ihre große Leidenschaft für’s Kochen und eine gehörige Portion Neugier. Sie besuchte Märkte, Manufakturen, Röstereien, Käsereien, Destillerien und vieles mehr. Nahm an Kochkursen und Verkostungen teil, war hochseefischen in Norwegen und melkte Esel in den Pyrenäen, immer auf der Suche nach authentischen, regionalen Rezepten, die Abwechslung in die Camper-Küche bringen.
Inzwischen hat sie ein Café mit eigener Kaffeerösterei in Wismar eröffnet.