Monat: April 2018

Zingaro, Palermo, Monreale, Erice – Eine Tour durch den Nordwesten Siziliens

15.-22.04.2018 – Wahnsinn, heute vor genau 300 Tagen sind wir zu diesem Abenteuer aufgebrochen! Verrückt, wie die Zeit vergeht, so lang kommt uns das noch gar nicht vor. Andererseits haben wir aber schon so viel gesehen und erlebt und verdammt viele Kilometer hinter uns gelassen. Allmählich sind wir jedenfalls angekommen in diesem Vanlife. ?

Unglaublich, aber wir stehen schon wieder an unserem Lieblingsplatz, am Strand von Castelluzzo. Zwischendurch waren wir aber doch mal unterwegs und haben uns jede Menge spannender und schöner Sachen angeguckt.
Am Sonntagabend hat uns auf unserem Strandplatz ein heftiges Unwetter überrascht. Innerhalb von wenigen Minuten verwandelte sich die Umgebung in eine Sumpflandschaft und die Straße stand zentimeterhoch unter Wasser. Wir waren gezwungen in Windeseile unser Wohnmobil auf festen Betongrund zu bringen, weil wir befürchteten, im Matsch zu versinken. Hagel, Gewitter und literweise Wasser ergossen sich über uns und dann war – genauso schnell, wie es angefangen hat – auch schon wieder alles vorbei und man hörte wieder Vögelchen piepsen. Unser Nachbar auf dem Parkplatz, auf dem wir Halt gefunden hatten, hat gleich die Gelegenheit genutzt, seine Badehose angezogen und im Regen das Wohnmobil geputzt. Clever.

Der erste Nationalpark Siziliens

Der Zingaro Nationalpark war der erste auf Sizilien.

Am nächsten Morgen sind wir aufgebrochen und haben uns erstmal San Vito Lo Capo, beziehungsweise dessen großen, breiten Sandstrand angeschaut, der dem Ort seine Existenzberechtigung zu geben scheint. Von hier ging es weiter zum Nationalpark Zingaro. Zingaro ist das allererste Naturschutzgebiet auf Sizilien und in den 80er Jahren durch eine Bürgerbewegung entstanden. Er gilt als der schönste Park der Insel und hat uns auch wirklich sehr gut gefallen. Einziger Wermutstropfen war, dass keine Hunde mit reindürfen und der Park 5€ Eintritt kostet.
Im Nachhinein wäre unsere fünfstündige Bergwanderung in der Mittags- und Nachmittagssonne aber auch zu anstrengend für unseren Senior gewesen, der währenddessen im kühlen Wohnmobil im Schatten geschlafen hat. In der Nähe von Zingaro haben wir einen Parkplatz an einem kleinen Kiesstrand mit Bar gefunden und hier die Nacht verbracht.

Die lauteste Stadt der Welt

Fontana Pretoria
Der Brunnen Fontana Pretoria war in seiner Entstehungszeit als Sündenpfuhl heiß umstritten, da die Statuen dem Müßiggang fröhnen und teils nur spärlich bekleidet sind.

 

Gut erholt von unserem Gewaltmarsch sind wir am nächsten Morgen dann nach Palermo reingefahren. Auf einem bewachten Parkplatz mit Wasserver- und entsorgung (20€ für 24h) innerhalb der Stadt konnten wir uns zwischen weiteren Wohnmobilen einreihen und wussten unser fahrendes Zuhause gut aufgehoben, während wir die Stadt unsicher machten. Von hier konnten wir zu Fuß in die Innenstadt laufen und haben erstmal das klassische Touri-Programm durchgezogen: Porta Nuova, Normannenpalast, Kathedrale, Quattro Canti, Fontana Pretoria, Teatro Massimo, usw. Elf Kilometer sind wir an diesem Tag gelaufen. Zwischendurch haben wir uns auf dem Platz vor der Kirche San Domenico ausgeruht und eine sehr leckere Pizza gegessen. Die Stadt ist spannend, aber vor allem ist sie auch verdammt laut, mit ihren knatternden Rollern und hupenden Autos und uns schepperte ganz gut die Rübe, als wir abends wieder in unserem Bus ankamen.
Kurz haben wir überlegt, es bei diesem einen Tag bewenden zu lassen und am nächsten Morgen wieder aus der Stadt abzuhauen. Dann haben wir uns aber doch entschieden, noch zu bleiben und das war im Nachhinein eine sehr gute Idee. Denn am nächsten Tag konnten wir, da wir die Pflicht ja bereits erfüllt hatten, gleich zur Kür übergehen und uns nur noch Sachen angucken, auf die wir wirklich Lust hatten.

Die schönste Leiche der Welt

Katakomben Palermo
Über 2000 mumifizierte Leichen befindensich in den Katakomben des Kapuzinerklosters.

Den Start machte eine Exkursion der etwas makabren Art. Wir haben uns unter die Erde begeben, in die Katakomben der Kapuzinergruft. Hier unten befinden sich mehr als 2000 mumifizierte Leichen, aufgebahrt in Nischen und offenen Särgen, aber hauptsächlich einfach aufgehängt entlang der Wände. Ein schauriges Gruselkabinett schreitet man hier unten im dämmrigen Licht ab. Die berühmteste Gruftbewohnerin ist die zweijährige Rosalia Lombardo, die 1920 an der Spanischen Grippe starb. Ihr Vater konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er sein Kind nie mehr sehen sollte und bat einen befreundeten Einbalsamierer, den Körper zu konservieren. Erst 2009 konnten Wissenschaftler das Geheimnis der Einbalsamierung enträtseln. Tatsächlich sieht das kleine Mädchen noch immer so aus, als würde es nur schlafen.

Tausend nackte Menschen

Kunstausstellung
Unser kunstinteressierter Pepito durfte sogar mit in die beeindruckende Ausstellung.

Nach dieser schaurigen Geisterbahn brauchten wir erstmal noch einen Kaffee und was Süßes fürs Gemüt. Frisch gestärkt sind wir dann durch die schöne, mit Wasserläufen durchzogene Parkanlage des Castello della Zisa spaziert und haben es genossen, wieder im hellen, wärmenden Sonnenlicht rumzulaufen. Nicht weit von Zisa entfernt ist das Kulturzentrum der Stadt, mit Filmhochschule, Goethe-Institut und weiteren Kunsteinrichtungen. Nach den lärmenden, engen und trubeligen Gassen der Stadt war der Bezirk eine reine Wohltat und wir sind eine Weile in dieser eigenen kleinen Kunstwelt geblieben. Hier haben wir dann zufällig eine Ausstellung von Spencer Tunick entdeckt, die gerade gezeigt wurde. Nicht nur, dass man die Ausstellungshalle kostenlos besuchen konnte, der Hund durfte auch einfach mit rein und die Ausstellung fanden wir ganz großartig. Tunick ist bekannt für seine temporären Installationen aus nackten Menschen, die er in urbanen Zusammenhängen positioniert und fotografiert. Diese ikonografischen Symbole – oft mit tausenden von Freiwilligen – inszeniert er in der ganzen Welt, auch an sehr prominenten Plätzen und seine Bilder haben meist einen sozialkritischen Hintergrund. Der Hund fands auch gut.

Kulinarische Highlights

Eis im Brioche
Eis in Brioche: Endlich mal eine sinnvolle Erfindung!

Auf unserem Wunschplan stand jetzt eigentlich der Botanische Garten von Palermo, der beeindruckend schön sein soll und den schon Goethe als „wunderbarsten Ort von der Welt“ beschrieben hat. Doch leider kippte zum Nachmittag das Wetter und der einsetzende Dauerregen mit Gewitter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen sind wir erstmal in eine Buchhandlung geflüchtet und haben eine Weile geschmökert, bevor wir uns einfach durch die Innenstadt haben treiben lassen, was jetzt sehr angenehm war, da wir die Straßen fast für uns hatten.
In der berühmtesten Eisdiele der Stadt, ‘Brioscia‘, haben wir uns dann das hier typische Eis im Brioche gegönnt. Das ist mal eine Erfindung die wirklich Sin macht! Danach braucht man eigentlich zwei Tage nichts mehr essen, aber Uli wollte unbedingt auch noch ein weiteres Streetfood-Gericht probieren, das hier der absolute Renner ist: frittierte Milz im Brötchen. Dazu etwas Krokettenähnliches und eigentlich gibt es auch noch einen Teller mit gekochten Innereien, aber da war selbst Uli raus.

Zusammenfassend würden wir Palermo als sehr laute Stadt beschreiben, mit spannenden Ecken und Geschichten, wuselig, eng und chaotisch, unheimlich laut, mit freundlichen Menschen und wenigen Plätzen, die ruhig und schattig sind und wo man mal durchatmen kann, sehr laut, viele arme Bezirke, dreckig und …. sagte ich schon, dass die Stadt EXTREM LAUT ist? Wir sind froh, zwei Tage geblieben und über zwanzig Kilometer durch die Stadt gestreunt zu sein, so haben wir das Gefühl, einen ganz guten Eindruck von der Atmosphäre dieser – doch relativ lauten – Metropole gewonnen zu haben. Unsicher haben wir uns übrigens nie gefühlt; auch nicht wenn wir mal verschütt gegangen sind und uns in Gegenden verirrt haben, in die gewöhnlich nicht viele Touristen kommen.

Clash der Kulturen: Die Kathedrale von Monreale

Monreale
Sehr prunkvolle Innendekoration: alles leuchtet golden in der Kathedrale von Monreale.

Am nächsten Morgen waren wir aber doch froh, als wir die vollen, chaotischen Straßen Palermos hinter uns gelassen hatten und in Richtung des nur wenige Kilometer entfernten Monreale aufgebrochen sind. Die Kathedrale dieser Stadt ist eins der Highlights auf einer Sizilienrundreise – entsprechend groß ist auch der Touristenzirkus drumherum. Nichts desto trotz ist diese Kirche etwas wirklich sehr Besonderes, denn in dem normannischen Bau fließen unterschiedliche Kulturstile symbiotisch ineinander. Arabische Intarsien und byzantinische Mosaike auf goldenem Grund verzieren einheitlich und äußerst prachtvoll diesen romanischen Baukörper. Es lohnt sich, hier einige Zeit zu verbringen, den Audioguide anzuhören und hoch auf die Dachterrasse zu steigen.

Monreale
Ein Spaziergang auf dem Dach der Kathedrale lohnt sich sehr.

Monte Erice: Uriges Dörfchen, nur zu viele Touris

Erice
Das Dörfchen Erice existiert bereits seit vorgeschichtlicher Zeit und wird sogar in griechischen Sagen erwähnt.

Nach Monreale hatten wir dann endgültig fürs Erste die Schnauze voll von vielen Menschen und sind zurück an die Westküste gefahren und hier rauf auf den Monte Erice. Oben, auf dem 750 Meter hohen Berg, befindet sich ein kleines Dorf, das schon in vorgeschichtlicher Zeit existiert hat und sogar in griechischen Sagen Erwähnung findet. In der Antike hieß die Stadt Eryx, nach einer Gestalt der griechischen Mythologie: Eryx war der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite und des Argonauten Butes.

Erice
Am Rande des Orts hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Täler und sogar auf unseren Monte Cofano.

Hier oben haben wir ein ruhiges Plätzchen für unser Wohnmobil gefunden, mit einer wunderbaren Aussicht auf das Meer und unseren Haus- und Hofberg, den Monte Cofano. Nichts war zu hören, außer ein paar Vögelchen. Herrlich.
Das änderte sich am nächsten Morgen, als wir früh in das Dörfchen reinflanierten, das für seine winzige Größe eine erstaunliche Anzahl an Kirchen und Burgen aufzuweisen hat. Erst war es noch ganz romantisch, durch diese uralten Gässchen zu schlendern, doch schon bald kamen hier die Reisebusse an und spuckten hunderte von Touristen in den kleinen Ort aus.

Um uns von dieser ereignisreichen Woche zu erholen, sind wir kurzentschlossen wieder zurück an unseren Lieblingsplatz am Monte Cofano gefahren und genießen jetzt das herrliche Sommerwetter. Abends sitzen wir am Lagerfeuer, grillen und quatschen bis in die Nacht und schmieden Pläne für neue Abenteuer. Uns geht’s sehr gut. Wir hoffen, Dir auch.

 

 

Über die Autorin

Ramona Pingel

Ramona ist Co-Verlegerin des WNJ-Verlags und arbeitet außerdem als Freie Lektorin. Vor ihrer gemeinsamen Reise mit Uli lebte sie im beliebtesten Viertel Kölns, hatte einen guten Job in einem großen Verlagshaus und genoss das Leben in der Großstadt. Doch nach der Reise kam das alles nicht mehr infrage. Sie wollte unabhängig sein und näher an der Natur. Heute leben Uli und sie, zusammen mit Hund Spencer, in einem Häuschen in der Vulkaneifel, direkt am Waldrand. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten mit Gärtnern, Yoga und Wandern.

Was Reisen mit Yoga zu tun hat

Viele Reisende können das sicher bestätigen, dieses Gefühl „es wird sich schon alles fügen“, „irgendwie geht’s immer weiter“, „es wird schon alles gutgehen“. Auf Reisen entwickelt man ein unerschütterliches Vertrauen in … – ja in was denn eigentlich? Den Glauben an ein Universum, in dem wir alle durch Energien miteinander verbunden sind, empfand ich lange Jahre als befremdlich. Ein hübsches Märchen in der wöchentlichen Yogastunde, das ich mir gerne erzählen ließ, was ich aber für mich zu abgehoben und zu esoterisch fand. Inzwischen sehe ich das anders. Denn von dem Moment an, als Uli und ich den Entschluss zu dieser Reise gefasst hatten, lief plötzlich alles wie von selbst. Natürlich gab es noch eine Menge zu erledigen und zu organisieren und ein Gefährt hatten wir auch nicht. Aber die Dinge fielen einfach auf ihren Platz und alles fügte sich irgendwie.

Von diesem Phänomen hatte ich schon öfter gehört, meist von Reisenden oder Leuten mit Visionen und Plänen, die sie mit voller Hingabe umsetzen wollten. Mir selbst ist das vorher noch nie passiert und ich konnte es mir nicht erklären und kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Es war, als hätten wir durch unseren Herzenswunsch so viel positive Energie freigesetzt, dass das ganze Universum dafür gesorgt hat, sämtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit unser Traum Wirklichkeit werden konnte. Verrückt war auch, dass wir nicht nur uns selbst mit der Planung und der Vorfreude auf diese Reise unglaublich glücklich gemacht haben, sondern auch andere Menschen. Viele fanden die Idee so großartig und unterstützenswert und wären am liebsten selbst losgezogen. Es war, als würden wir für all diese Menschen auf diese Reise gehen und ihre Sehnsüchte und ihr Streben nach Glück und Freiheit als gute Wünsche mitnehmen.

Das klingt ganz schön abgehoben, ich weiß. Übrigens sind Uli und ich beide extrem bodenständige, auf Sicherheit bedachte, pragmatische Menschen. Aber diesem Zauber, der in unserem Aufbruch in ein neues Leben lag, konnten selbst wir uns nicht entziehen.

Yoga als Lebensgefühl

Yoga war das erste „Hobby“, das ich in meinem Leben ausprobiert habe, bei dem ich wirklich geblieben bin. Irgendwas daran hat mich schon vor etwa sechzehn Jahren gepackt und berührt. Ich hatte das Gefühl, dass darin sehr viel mehr für mich liegt, als ein gesunder Rücken oder ein knackiger Po; hier gab es etwas Allumfassendes, dem ich unbedingt auf den Grund gehen wollte. Yoga hatte auf eigentlich alle Fragen des Lebens eine Antwort, er war sehr schnell für mich ein Lebensgefühl, eine Einstellungssache, damit verbunden war eine ganz neue Art zu leben, mit der ich mich verbunden fühlte, auch schon am Anfang, als ich noch sehr wenig darüber wusste und noch viel weniger davon verstand.

Als vor ein paar Jahren der Trend des digitalen Nomadentums losging, war ich ganz fasziniert und habe regelmäßig die Blogs der ersten Pioniere und ihre Erfahrungen verschlungen. Das war eine spannende Idee und eine so freie Art zu leben. Für mich kam ein solcher Lebensstil damals aber auf gar keinen Fall infrage, dazu war ich viel zu sehr auf Sicherheit bedacht und hatte zu wenig Selbstbewusstsein, um es mir zuzutrauen, selbstständig für meinen Lebensunterhalt zu sorgen und in der Welt klarzukommen. Durch Yoga habe ich gelernt, auf mich selbst zu achten, mich selbst wieder zu spüren. Er hat mir Selbstvertrauen gegeben und den Glauben daran, dass ich meinen Weg schon gehen werde und dass dieser Weg auch voll okay ist und eben meiner. Jetzt reise ich durch die Welt und verdiene mein Geld online und somit ortsunabhängig, als Lektorin und Texterin.

Minimalismus lernt man auf Reisen ganz bestimmt

Minimalismus war ebenfalls ein Thema, auf das ich damals augenblicklich angesprungen bin und gefühlt habe, dass da mehr dahintersteckt als nur seinen Kleiderschrank auszumisten. Auch war mir direkt klar, dass Minimalismus mit Yoga in Zusammenhang stehen muss, dass es hier eine Verbindung gibt. Ständiges Konsumieren, immer mehr Dinge anschaffen, um die man sich kümmern muss und die einen nicht glücklich machen – das konnte nicht richtig sein. Und vor allem konnte das doch nicht alles sein im Leben: Zu arbeiten, um sich schöne Sachen kaufen und in immer größeren Wohnungen leben und teurere Autos fahren zu können.

Von Reisenden hört man ja immer Sätze wie „weniger ist mehr“ oder „du brauchst nicht viel zum Glücklichsein“. Und was soll ich sagen: es stimmt halt. Ich wollte das ja auch immer nicht so glauben, das mussten die ja sagen, um sich das entbehrungsreiche Leben schönzureden. Ja klar, wenn man in Bali am Strand liegt braucht man auch nicht viel zum Glücklichsein, aber das sind ja vergängliche Urlaubsmomente. Ich musste es erst wirklich erleben und leben, um es tatsächlich zu begreifen. Auf neun Quadratmetern ist Minimalismus schwer angesagt. Der Yoga sagt, du sollst dich nicht mit Besitz belasten, denn der lenkt dich nur ab und beschwert dich, doch es geht ja darum, den Geist frei zu haben, für wirklich wichtige, existenzielle Dinge. Im Vergleich zu den meisten Leuten die wir kennen, hatten Uli und ich schon vorher sehr spartanisch eingerichtete Wohnungen und haben regelmäßig ausgemistet. Doch beim Auflösen der Wohnungen wurde uns dann doch vor Augen geführt, wie unglaublich viel unnötigen Krempel wir trotzdem noch besaßen. Auch jetzt noch, in unserem kleinen Wohnmobil, haben wir alle Schränke vollgestopft und sehr viel mehr dabei, als wir wirklich brauchen und benutzen. Etwa 70 Prozent der Klamotten, die ich eingepackt habe, habe ich beispielsweise in den bisherigen acht Monaten auf Reise noch nicht gebraucht.

Wir sind durch dieses reduzierte Leben ständig aufgefordert, über all das nachzudenken. Brauche ich dieses oder jenes Teil wirklich? Habe ich es schon mal benutzt? Für welchen Fall schleppen wir das nochmal mit uns rum? Sollten wir das wirklich kaufen? – Warum fällt es uns so schwer, Besitz loszulassen? Was für eine seltsame Art von Sicherheit gibt uns unser Krempel? Es passiert uns doch nichts, wenn wir weniger T-Shirts und Bücher haben, deshalb sind wir ja nicht weniger existent. Was macht uns eigentlich aus? Und wo wir schon mal dabei sind: Wie stellen wir uns denn eigentlich ein glückliches Leben vor? In welchen Momenten sind wir wirklich zufrieden?

Wann hast du zuletzt einen so perfekten Sternenhimmel gesehen?

Alles nochmal auf Anfang

Dadurch, dass wir alles hinter uns gelassen haben, uns von Prägungen aus der Vergangenheit und Vorgaben der Gesellschaft verabschiedet haben (und täglich mehr loslassen), stehen nun sehr viele Dinge erneut zur Diskussion. Mit Ende dreißig ist also plötzlich nochmal alles neu denkbar, alles möglich. Wir fangen nochmal ganz von vorne an. Auch das ist Yoga: zu lernen, loszulassen. Vergangenes, das man nicht mehr ändern kann; negative Glaubenssätze, die uns kleinhalten; ungesunde Lebens- und Verhaltensweisen; Menschen, die uns nicht gut tun oder den Weg nicht mitgehen wollen. Oft ist das Loslassen schmerzlich und man hält sehr lange an Dingen fest. Doch wenn man es dann geschafft hat, ist da plötzlich so viel mehr Raum für Neues und Positives. Man fühlt sich befreit und macht seinen Frieden. Jetzt kann es endlich weitergehen.

Yoga: Mehr als der Weg zur Bikinifigur

Der rote Faden in all dem, der Rahmen, der das alles und noch viel mehr umschließt, ist der Yoga. Nach wie vor denken hier die meisten Menschen als erstes an die Körperübungen, die Asanas. Die sind jedoch nur ein kleiner Teil des Ganzen und im Grunde nur eine Vorarbeit. Der Körper soll gesund und flexibel sein, aber nicht um in der Bikinisaison einen knackigen Po und einen flachen Bauch herzeigen zu können, sondern damit auch unser Geist flexibel und gesund bleiben/werden kann. Die Übungen sind nur ein Mittel zum Zweck, denn nur in einem gesunden Körper kann auch ein gesunder Geist wohnen und nur der kann höhere Erkenntnisse und Erleuchtung erfahren. Das wiederum geht vor allem durch Meditation und um lange in der Meditationshaltung still sitzen zu können, braucht es ebenfalls einen gesunden, flexiblen Körper, der das mitmacht.

Um gesund zu sein, gehört also Bewegung dazu, die Atmung natürlich (auch ganz wichtig im Yoga) aber eben auch eine gesunde Ernährung. „Du bist was du isst“ wird im Yoga sehr ernst genommen, denn Fleisch und tierische Produkte sind durch Leid anderer Lebewesen entstanden und tragen diese negative Energie in sich. Seit frühester Kindheit ernähre ich mich vegetarisch und seit etwa sechs Jahren auch vegan, weil ich mich viel mit dem Thema Ernährung und Nachhaltigkeit beschäftigt habe und zu dem Schluss gekommen bin, dass das für mich die einzig richtige Art der Ernährung ist, um weder mir noch sonst einem Wesen zu schaden. Ich dachte, das wird auf Reisen sicher schwierig, doch habe ich bisher in jedem Land auch vegane Produkte im Supermarkt gefunden und eigentlich haben auch alle Länder zufällig vegane Gerichte in der traditionellen Landesküche.

Leben im Einklang mit der Natur

Wir leben draußen und sind damit extrem abhängig von der Natur und dem Wetter. Dadurch bekommen wir aber auch überhaupt wieder ein Gefühl dafür: Sieht es nach Regen aus? Von wo kommt der Wind? Wo können wir den Sonnenuntergang am besten sehen? Kann man diese Beeren wohl essen? Wann hast du zuletzt einen solchen Sternenhimmel gesehen? – Wenn die Sonne aufgeht werden wir wach, wenn sie untergeht wird es draußen kalt und dunkel und wir machen es uns drin gemütlich. Ohne es wirklich gemerkt zu haben, leben wir im Gleichklang mit der Natur, sehr viel mehr, als das in der Stadt der Fall war. Ohne einen Plan davon zu haben, entdecken wir immer mehr, was uns die Natur frei Haus liefert. Gerade stehen wir mit dem Wohnmobil an einem Strand auf dem Peleponnes und es riecht draußen herrlich nach Pizza, denn um uns rum sind die Dünen übersät mit Oregano. Auf unseren Spaziergängen pflücken wir reife Orangen und Zitronen von den Bäumen, die hier im Überfluss wachsen, schneiden Salbei, Rosmarin und Thymian ab für Tee und zum Würzen und pflücken wilden Fenchel fürs Abendessen. Was wohl alles erst möglich wäre, hätten wir eine Ahnung von essbaren Kräutern, Beeren und Pilzen?

Die Natur gibt uns so viel und umso schlimmer ist es zu sehen, wie wir mit der Natur umgehen. Die Strände sind völlig übersät mit den Abfällen der Badegäste, jedes Gebüsch eine Müllhalde und das Strandgut besteht zu 80 Prozent aus Plastik. Der sorglose und rücksichtslose Umgang mit der Natur wird uns hier extrem vor Augen geführt. Nicht zuletzt hierdurch wächst unser Verantwortungsbewusstsein und wir überdenken täglich unser Verhalten und unsere Hinterlassenschaften.

Der Yoga sagt, wir sollen rücksichtsvoll mit der Natur umgehen, mit unseren Mitmenschen und überhaupt allen Lebewesen, denn alles ist miteinander verbunden. Nirgendwo spürt man diese Verbundenheit so sehr wie auf einer solchen Reise – auch als bodenständiger Mensch, der mit Esoterik nicht viel am Hut hat. Der Glaube daran, dass sich alles fügen wird, dass wir Antworten finden werden, wenn wir bereit dafür sind und dass wir Hilfe bekommen werden, wenn wir sie brauchen, wächst auf Reisen. Wir haben inzwischen keinen Zweifel mehr daran, dass wir alles schaffen können was wir wollen.

Über die Autorin

Ramona Pingel

Ramona ist Co-Verlegerin des WNJ-Verlags und arbeitet außerdem als Freie Lektorin. Vor ihrer gemeinsamen Reise mit Uli lebte sie im beliebtesten Viertel Kölns, hatte einen guten Job in einem großen Verlagshaus und genoss das Leben in der Großstadt. Doch nach der Reise kam das alles nicht mehr infrage. Sie wollte unabhängig sein und näher an der Natur. Heute leben Uli und sie, zusammen mit Hund Spencer, in einem Häuschen in der Vulkaneifel, direkt am Waldrand. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten mit Gärtnern, Yoga und Wandern.

Ostern auf Sizilien – Die Mysterien von Trapani

Die Stadt Trapani ist berühmt für ihre Osterfeierlichkeiten. Ostern wir überall auf Sizilien als wichtigstes Fest des Jahres begangen und mit Prozessionen und vielen Traditionen gefeiert. Die Prozession an Karfreitag in Trapani ist aber eins der größten Highlights auf Sizilien und das wollten wir unbedingt einmal miterleben. Dafür sind wir vorerst an Palermo vorbeigerauscht, was wir später noch nachholen werden.

Die gesamte Osterwoche, die „Settimana Santa“, hindurch finden bereits kleinere Prozessionen in Trapani statt. So auch als wir am Mittwoch vor Ostern in der Stadt ankamen und durch den Ort gebummelt sind. Wir haben es sehr genossen, dass das Wetter wieder schöner wurde und wir einfach Zeit draußen verbringen konnten. Also sind wir ausgiebig flaniert, haben ein Pane Cunzato auf die Hand mitgenommen und an der Promenade in der Sonne gegessen, im süßen Stadtpark unter alten Bäumen im Schatten gesessen und einfach die Stadt in uns aufgesogen.

Die Misteri di Trapani werden von mindestens zehn Männern getragen.

Am Freitag um 14 Uhr ging dann das große Ereignis los. Bei der Karfreitagsprozession werden 20 riesige Statuengruppen, die das Leiden Christi darstellen, von der Kirche Delle Anime Sante del Pulgatorio aus durch die Stadt getragen. Die sogenannten „Misteri di Trapani“ sind Holzstatuen, die auf einer Art Sänfte festgemacht und mit Blumen und Kerzen reich geschmückt sind. Jede dieser Figuren aus dem 17. und 18. Jhd. wiegt über 100 Kilo und so werden sie von jeweils mindestens zehn Männern, den Massari, getragen.

Begleitet wir die Prozession von Blaskapellen, die ganz wunderbare Trauermärsche spielen, und Trommlergruppen, die den Takt zu einem Wiegeschritt vorgeben, in dem sich der gesamte Zug – extrem langsam – fortbewegt. Das Spektakel dauert 24 Stunden und endet schließlich wieder vor der Kirche, in der die Misteri das Jahr über aufbewahrt werden. Die restliche Stadt wirkt in dieser Zeit wie ausgestorben, denn alle Einwohner scheinen bei diesem Großereignis mitzuwirken. Die ganze Nacht hindurch konnten wir von unserem Schlafplatz im Hafen die Musik und die Trommeln hören und haben am nächsten Morgen nochmal einen Blick auf die Prozession geworfen.

Wenn Du mal zur Osterzeit auf Sizilien sein solltest, können wir Dir dieses Spektakel sehr empfehlen. Durch die dramatische Musik, die archaischen Trommeln, die festlichen, traditionellen Gewänder und Uniformen entsteht in den schmalen Gassen eine ganz eigene, sehr eindringliche und festliche Stimmung, der man sich kaum entziehen kann.

Anschrift: Via Catula Lutazio, 91100 Trapani

GPS-Koordinaten: 38.014467, 12.495905

Google Maps: https://goo.gl/maps/UUMrh9DL62K2

Anfahrt und Parken: Wir haben drei Nächte im Hafen, auf einem großen, runden Parkplatz vor der Segelschule gestanden. Schöner Ausblick auf das Kastell und den Leuchtturm. Obwohl das eine Sackgasse ist, herrscht hier viel Verkehr. Besonders abends kommen viele Leute mit ihren Autos hierher und feiern bei lauter Musik. Aber der Parkplatz ist kostenlos, es standen noch ein paar weitere Wohnmobile bei uns und es sind von hier aus nur ein paar Minuten zu Fuß in die Innenstadt. Beim Rausfahren aus Trapani haben wir vor der Stadt im Industriegebiet einen riesigen Parkplatz gesehen, auf dem bestimmt 50 Wohnmobile standen. Hier steckten die also alle.

Über die Autorin

Ramona Pingel

Ramona ist Co-Verlegerin des WNJ-Verlags und arbeitet außerdem als Freie Lektorin. Vor ihrer gemeinsamen Reise mit Uli lebte sie im beliebtesten Viertel Kölns, hatte einen guten Job in einem großen Verlagshaus und genoss das Leben in der Großstadt. Doch nach der Reise kam das alles nicht mehr infrage. Sie wollte unabhängig sein und näher an der Natur. Heute leben Uli und sie, zusammen mit Hund Spencer, in einem Häuschen in der Vulkaneifel, direkt am Waldrand. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten mit Gärtnern, Yoga und Wandern.

Cefalù – Mehr Sizilien geht nicht

Das Städtchen Cefalù liegt zwischen Capo d’Orlando und Palermo und wird, nach Taormina, als schönster Ort Siziliens gehandelt, da es so authentisch und typisch sizilianisch sein soll. Stimmt, Cefalù ist ein wirklich hübsches Städtchen, mit den klassischen schmalen Gassen, durch die man am Ende das Meer sehen kann, urige Restaurants, einer beeindruckenden Kathedrale mit Kloster und allem was zu einer sizilianischen Stadt eben so dazu gehört. Die Stadt liegt am Fuße des Rocca di Cefalù, einem etwa 270 Meter hohen, markantem Kalksteinfelsen.

Gerne hätten wir uns das an die Kathedrale angegliederte Kloster angesehen, doch leider war es geschlossen, als wir da waren. Auch sind wir, als es endlich aufhörte zu regnen und wir mal aus unserem Wohnmobil rauskonnten, voller Tatendrang zum Rocca die Cefalù gestiefelt, wo wir ebenfalls nicht hochgelassen wurden: „Bei Regen und Sturm kein Zutritt“. So entging uns leider dieser Burgberg, auf dem man (für vier Euro Eintritt) die Reste eines Dianatempels aus dem 9. Jhd. v. Chr, eine byzantinische Kapelle aus dem 7. Jhd, eine arabische Zisterne und eine Kastellruine aus normannischer und staufischer Zeit bestaunen kann.

Der mittelalterliche Waschplatz wurde noch bis ins 20. Jhd. benutzt.

Entdeckt haben wir aber in einem Hinterhof einen öffentlicher Waschplatz aus dem Mittelalter (Lavatoio medievale), der wahrscheinlich aus arabischer Zeit stammt. Unter den Häusern fließt hier ein Wasserlauf durch und füllt die in den Fels gehauenen Waschbecken.

Wegen seiner authentischen Art und der romantischen Gassen ist Cefalù aber eben auch sehr von Touristen überlaufen. Schon jetzt, Ende März, kam hier ein Reisebus nach dem nächsten an und spuckte einen Schwall Touristen (meist übrigens Deutsche) in die Innenstadt aus. Wie das wohl erst in den Sommermonaten sein muss? Nichts desto trotz ist Cefalù ein wirklich sehenswerter Ort und wir sind gerne durch die Gassen gebummelt und waren am Samstagabend sehr lecker Essen.
Von Cefalù aus lohnt sich ein Ausflug nach Gibilmanna, im Madonie-Gebirge.

GPS-Koordinaten: 38.039869, 14.031477

Anfahrt und Parken: Wir haben vor der Stadt unten im Hafen übernachtet. Nicht der allergemütlichste Platz, aber überraschend ruhig. Außer uns standen auch noch ein paar andere Wohnmobile hier. Wasser zum Auftanken gab es hier leider keins. Vom Hafen aus ist man in wenigen Minuten zu Fuß in der Innenstadt.

Über die Autorin

Ramona Pingel

Ramona ist Co-Verlegerin des WNJ-Verlags und arbeitet außerdem als Freie Lektorin. Vor ihrer gemeinsamen Reise mit Uli lebte sie im beliebtesten Viertel Kölns, hatte einen guten Job in einem großen Verlagshaus und genoss das Leben in der Großstadt. Doch nach der Reise kam das alles nicht mehr infrage. Sie wollte unabhängig sein und näher an der Natur. Heute leben Uli und sie, zusammen mit Hund Spencer, in einem Häuschen in der Vulkaneifel, direkt am Waldrand. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten mit Gärtnern, Yoga und Wandern.